So viel anders, Teil 2

Samstag, 12.09.2026, 11:00 Uhr


So ähnlich muss sich jemand fühlen, der einen „Cold Turkey“, einen plötzlichen Drogen-Entzug durchmacht. Heute Morgen habe ich mich lediglich im Bad gewaschen, Zähne geputzt und frische Sachen angezogen. Ich war danach fix und alle und hab am ganzen Körper gezittert. Sozusagen ein Ganzkörperzittern. Danach Frühstück. Glaubt mir, ich war kaum in der Lage, das Messer annähernd zielgerichtet zu steuern. Wie ich Butter und Marmelade auf die Knäckebrote und später den Käse auf´s Brötchen bekommen habe, befindet sich außerhalb meines Erinnerungsvermögen.


Nach dem Frühstück hat es etwas nachgelassen, doch jetzt beim Schreiben treffe ich auch nicht gleich alle Tasten auf Anhieb. Und das liegt nicht daran, wie das Nashorn bei HNO (ruthe.de) immer meint: „Ich hab halt dicke Finger!“ Bei mir sind es eher die Medikamente. Da sind welche dabei, die Nebenwirkungen haben wie Schwindel (Nicht verwechseln mit Schwindeln, dazu braucht man keine Medikamente!), bis hin zu Ohnmacht und eben auch Zittern. Wenig davon, weng Zittern; viel davon, viel Zittern. Ich hoffe, das lässt mal wieder nach. Wird wohl nichts werden mit dem Auto-Modellbau-Hobby.

Andere Medikamente, andere Nebenwirkungen.
Auch anders, als in meinem ersten Leben.


Dann hatten wir Transplantierte, deren es aktuell hier auf Station sechs gibt, mit dem Chefarzt ein „Abschluss-Gespräch“. Wir wurden darüber informiert, wie unser neues Leben in Zukunft aussehen wird.
Und da wird noch Vieles anders!


Da, solange wir die Niere in uns haben, unser Immunsystem auf ein niedriges Level runtergefahren wird, damit der Körper die Niere nicht wieder abstößt, sind wir total empfindlich gegen Infekte. Und wenn einer auftritt, dann wird er in der Regel (und auch, wenn man keine Regel hat) schlimmer und länger verlaufen.
Dieses Schützen vor Infektionen jeglicher Art ist in Zukunft unsere Hauptaufgabe. „Schütze dich vor Allem und überall, wo es nur geht.“

Menschenansammlungen (den einzigen Auflauf, den man nicht essen kann, ist ein Menschen-Auflauf), sowohl bei Veranstaltungen (Laubacher Ausschußfest, Weihnachtsmarkt) wie auch z.B.beim Einkaufen. In Zukunft werde ich gegen 21:00 Uhr bei REWE einkaufen. Natürlich fällt dann das Frühstück nebenan in der Bäckerfiliale flach.

Haustiere. Besonders die Exkremente sind Gift. Aber auch nicht ins Gesicht lecken lassen. Heißt konkret für mich: keinen Hund, den ich „Krümel“ genannt hätte…

Kein rohes Fleisch. Die Mettbrötchen mit Zwiebeln unten vom Metzger sind nun tabu, es sei denn ich brate das Mett vorher durch. Aber dann kann ich mir auch gleich Schweinehack kaufen und das oben in der Küche selber machen.

Obst und Gemüse nur, was man gut schälen oder waschen kann. Salat, Erdbeeren, Petersilie und Co. wachsen unten in der Erde, wo die Keime und Sporen ihren Lieblingsort haben. Auch Salat steht auf der Liste der verbotenen Dinge. Den kann man weder gut waschen noch schmeckt er nach dem Kochen noch einigermaßen gut. Bei Supermarkt-Obst weiß man nicht, wo es her kommt und womit es gedüngt wurde.Tierische Dünger (Gülle) sind Gift.

Eier gibt es nicht mehr so lecker halbflüssig, wenn das Eigelb noch so schön zäh runterläuft. Auch nicht als Spiegelei. Nein stockhart durchgekocht muss es sein. Wie in Restaurants Vorschrift: 11 Minuten. (Vielleicht reichen auch 9 Minuten?)

Für alles, was man kochen, braten oder backen kann, gilt das zum Glück nicht! Ein frisches Kotelett, gut gewürzt und lecker durchgebraten, ist dann Balsam für die Seele. Ebenso meine geliebten Hähnchen-Nuggets, selbst gemacht aus einem ganzen (toten) Hähnchen, Kern-Temperatur um die 80 bis 90 Grad, gehen locker und wird es häufiger geben als gekochten Spinat.

Aus Obst kann man Saft oder Kompott machen. Sogar aus Erdbeeren oder meinen Heidelbeeren vom Garten.

Obstkuchen aller Art, im Airfryer „Alwin“ selbstgemacht, sind auch möglich.

Süßes. Durch die Immunsuppresiva (gegen das Abstoßen der Niere) kommt es auch zu einem erhöhten Blutzucker-Spiegel. Weniger Süßes. Keine Haribo, nur zwei statt drei Zucke im Kaffee. Die Hälfte der Zuckermenge in Kuchen kann man grundsätzlich weg lassen.
Zuckeraustaschstoffe wie Xylit (E967), Sorbit (E420) usw. sind keine wirklichen Alternativen und nicht zu empfehlen. Nicht für Gesunde und schon gar nicht für Nierentransplantierte.


Es ist gar nicht so schlimm mit den Essen-Einschränkungen. Und wer sowieso keine Lust auf viel Menschen hat, den stört dies Einschränkung auch nicht wirklich.
Am Meisten stört mich das mit dem Hund, Und dass ich meinen Garten im nächsten halben Jahr nur sehr selten bis gar nicht sehe. Ob ich das überlebe?


Wie sagte einmal ein Ausländer, dem das Fahrrad geklaut wurde und er gefragt wird, ob er denn nichts dagegen unternehme. „Nein, isch machen gar nichts.“ „Ja warum denn nicht?“ „Weil deutsches Sprichwort sagen: Kommt Zeit, kommt Rad.)

Oder bei Wilhelm Busch, Lehrer Lämpel: „Mit der Zeit wird alles heil, nur die Pfeife hat ihr Teil.“


Kommt Zeit, kommt die Eingewöhnung.
Mit der Zeit wird alles heil, dann essen wir halt nur `n Teil.


Guten Appetit!

Noch ganz unschuldig und ahnungslos

Vor dem Grillen nochmal Chillen

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