Leben im All

(149 x gelesen) im
Mär 29 2019

Freitag, Wochenende, schönes Wetter, Sonne, warm.

Neulich hab ich eine Life-Übertragung von der Raumstation ISS gesehen. Space Walking zweier Astronauten, die draußen mehrere Batterien ausgewechselt haben. Die waren etwa 1 Meter hoch, dreiviertel Meter breit und dreißig Zentimeter tief. Im Weltall haben sie die bewegt, wie unsereiner eine 12er Packung Klopapier aus der Drogerie trägt. Man könnte direkt neidisch werden, dass da oben alles so leicht ist. Eben schwerelos.

Aber wie lange das gedauert hat, bis die beiden aus der Raumstation draußen waren. Und wie langsam die gearbeitet haben. Die wollten sicher nicht Zeit schinden, wie mancher auf Arbeit, der sagt „Komm ich heut nicht, komm ich morgen.“ Man kann ja davon ausgehen, dass Astronauten, die für solche Missionen auserwählt werden, auch die richtige Arbeitsmoral haben. Nein, das liegt an der Sache selbst. Schon der Raumanzug schränkt ungemein ein. Und dann wird jeder „Schritt“, jede Bewegung abgesichert. Eine falsche Bewegung und... man fliegt weit in den Weltraum. Und das für immer. Oder so ne teure Batterie, oder der Akkuschrauber.

Im nächsten Live-Stream waren sie schon wieder in der Druckkammer und wurden nacheinander wieder „reingeholt“. Das hat gedauert! Bis die ihre Raumanzüge wieder ausgezogen hatten, ist etwa eine Stunde vergangen. Zwei Kollegen mussten dabei helfen.

Überleg mal: Wenn du von draußen kommst, machst die Haustür auf, klopfst den Schnee von den Stiefeln, Haustür zu, gehst in den Flur, Handschuhe aus, Mütze ab, Jacke und Schal aus und an den Haken, Stiefel aus, Pantoffel an, mal kurz durch die Haare streichen, ins Wohnzimmer, fertig. Dauer: zwei Minuten? Im Weltall? Eine Stunde, mit Hilfe und ohne Pantoffeln.

Warum langweile ich euch überhaupt damit, was ich mir auf YouTube so anschaue? Weil man als älterer Mensch (zu denen ich ja jetzt hochoffiziell dazugehöre) und als Dialysepatient wie im Weltall lebt. Man braucht zu allem etwas länger, ist vorsichtiger geworden, sichert sich besser ab. Unbewusst greift man beim Treppensteigen nach dem Handlauf, hält beim Aussteigen aus dem Bett einen Moment inne, bevor man aufsteht, fährt sogar mit dem Auto zumindest etwas umsichtiger oder überlegt gar, ob und wie lange man überhaupt noch selbst fahren sollte. Nur mit der Schwerelosigkeit will es einfach nicht so recht funktionieren. Im Gegenteil. Oft kommt man sich vor, als hätte man einen Tiefsee-Tauchanzug mit Bleischuhen an. Es ist halt nichts vollkommen...

Am Mittwoch zum Beispiel. Nach der Dialyse hab ich fast den ganzen Nachmittag verschlafen. Ich hatte Bleischuhe an. Und nach dem verschlafenen Nachmittag hab ich kurz was gegessen und bin anschließend wieder ins Bett. Das Epo mittwochs und das Ferrlecit montags und freitags haben halt Müdigkeit zur Folge. Die Dialyse allgemein.

Doch gestern kam dann das Weltraum-Feeling. Morgens das Gefühl, ausgeruht zu sein. Anziehen, raus zum Spaziergang, heim, frühstücken, an den PC, zwei Stunden richtig arbeiten, Mittagessen kochen, essen, kurz ruhen (nicht schlafen), wieder an den PC und zwei Stunden weiterarbeiten, Abendbrot, einen Film im Wohnzimmer schauen, Spüler aus- und einräumen, duschen, im Bett noch ne Doku gucken, Mitternacht endlich schlafen. Schon beim Spaziergang hab ich gemerkt, dass die Eisentherapie hält, was die Ärzte versprochen haben. Auch bei der „inneren Anteilnahme“ am alltäglichen Geschehen, beim Interesse und dem Eifer, zum Beispiel Kundenaufträge zu bearbeiten und sich den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen, spüre ich eine steigende „Schwerelosigkeit“. Die allgemeine „Lust am Leben“ kehrt langsam und fast unmerklich wieder zurück. Ich hatte es gar nicht so bewusst registriert, dass mir die ein ganzes Stück verlorengegangene war. 

Schön, dass du wieder da bist! Kannst gerne bleiben und noch mehr werden. Dann feiern wir gemeinsam Wochenende.

 

Kommentar 0
blockHeaderEditIcon
blockHeaderEditIcon
blockHeaderEditIcon
blockHeaderEditIcon
blockHeaderEditIcon
blockHeaderEditIcon
Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail
Kein Problem. Geben Sie hier Ihre E-Mail-Adresse ein, mit der Sie sich registriert haben.
*