Juni 22 2020

Montag

 

Die untere Nadel wollte wieder überhaupt gar nicht rein, nicht mal ansatzweise. Also: spitze Nadel. Zack,drin. Die obere? Wie ein Messer in weiche Butter. Die Schwester meinte, sowas hatte sie noch nie. Mit mir kann sogar eine langjährige Schwester noch was lernen. Siehste.

 

UF-Ziel: 500 + 200 ml, Blutfluss: 400 ml/min, Heparin-Rate: 1,5 ml/h. Das Heparin wird benötigt, damit das Blut vom Weg zu Daisy bis zu mir zurück nicht gerinnt und wird fast über die gesamte Zeit der 5 1/2 Stunden zugesetzt. Der Körper macht das ganz alleine, dass das Blut flüssig bleibt. Außerhalb des Körpers muss das anders geregelt werden. Wie so vieles andere auch. Alles, was der Körper nicht mehr selbst kann, muss man aufwändig anderswie auf die Reihe kriegen. Jedoch schafft man das nicht immer zu 100%.

Die Nieren zum Beispiel:

Ausscheidung von giftigen Substanzen,

Regulierung des Wasser- und Elektrolythaushaltes,

Regulierung des Säure-Basen-Gleichgewichts,

Hormonproduktion,

Regelung des Blutdrucks,

Regelung der Bildung roter Blutkörperchen - um nur die wichtigsten Aufgaben zu nennen.

Darüberhinaus führen die Nieren alles wieder zurück in den Körper, was noch gebraucht wird.

Damit ist aber Daisy völlig überfordert. Sie gibt sich zwar Mühe und ist auch die ganze Zeit fleißig, wenn ich an ihr hänge. Doch sie konzentriert sich lediglich auf das Entfernen der Giftstoffe und die Regelung des Wasserhaushaltes nach ihr eingestellten Vorgaben, sie kann aber keine Hormone für mich bilden und all die Dinge, die wichtig wären. Sie schickt auch nichts zurück und lässt sogar die einen oder anderen Proteine „aus Versehen“ mit durchschlüpfen.

Trotzdem liebe ich Daisy. Sie kümmert sich wenigstens darum, dass ich weiterleben kann und nicht innerhalb weniger Tage vergifte. Leben am Limit sozusagen. Es ist mit Dialyse nicht wieder wie im normalen Leben. Es ist lediglich ein Überleben. Um alles andere muss ich mich selbst kümmern - soweit ich das kann: Blutdruck-Tabletten, Hormon-Präparate, Wasser-Tabletten, gut abgestimmte Trinkmenge, gut abgestimmte Ernährung, Phosphat- und Kalium-Haushalt usw.

Trotzdem bin ich heilfroh, dass es Daisy gibt. Ohne sie wäre ich längst nicht mehr. Und wer soll dann das Tagebuch schreiben?!

 

Thema-Wechsel:

Ich möchte nochmal die Kopie des Kolos, die Darmspiegelung, ansprechen. Einigen Dialytikern, die auf eine Ersatzniere warten, wird das ja vielleicht auch bevorstehen. Das klang am Freitag mehr so nach „ Um Himmels Willen, das ist ja furchtbar, hoffentlich muss ich das nicht auch mal machen lassen!!!!“ So furchtbar war das dann auch wieder nicht. Es war eher die Ungewissheit vorher: Wie funktioniert die Darmentleerung mit dem Zeugs, das man trinken muss? Wann hört das dann auf? Wie steckt man über 24 Stunden Nüchtern weg? Ich hab zur Klinik eine Stunde Busfahrt. Was ist, wenn da unterwegs doch noch...? Das war meine größte Ungewissheit. Ich kann ja schlecht zum Busfahrer sagen „Halt mal dort nach der Kurve kurz an, bin gleich wieder da.“ Mit dem eigenen Auto - da gibt es genügend Waldabschnitte, wo man mal kurz halten könnte... Aber alles unbegründete Sorgen. Lief alles wunderbar komplikationslos. Und sooo schlecht hat die angerührte Suppe auch wieder nicht geschmeckt. Sie bringt einen zumindest nicht um. Wäre irgendwann mal wieder so eine Koloskopie fällig, könnte ich das absolut locker sehen. Vielleicht würde ich sogar auf das „Land der Träume“ verzichten, damit ich mich mal selbst von innen sehen kann. Die einzigste Fernsehsendung, die völlig ohne Werbepause auskommt...

 

...ist nun mal die Darmspiegelung.

 

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