Es dauert noch

(119 x gelesen) im
Mai 18 2020

Montag

 

Corona verändert die Menschen. Gestern war ich mit meiner Frau in Bad Salzhausen an der Saline spazieren. Wir haben dort fast 15 Jahre gewohnt (im Ort, nicht an der Saline) und bei unzähligen Rundgängen kommt man nicht umhin, manche Gespräche der vielen Besucher, Kurgäste, Urlauber - zum großen Teil ältere Leute - nebenbei aufzuschnappen. Wir waren gewohnt, dass sich die Gespräche hauptsächlich über Krankheiten, Behandlungen, Einschränkungen, das Leiden des Alters usw. drehten.

Aber gestern haben wir uns bei jeder unserer Runden über eine ältere Dame köstlich amüsiert, die auf eine andere Frau einredete.

Runde 1: die neue Weltordnung wird ganz anders, familiärer, aufregender...

Runde 2: die brauchen nur einen Stick nehmen und dann wissen die nach etwa 10 Minuten alles über diese Leute.

Runde 3: ihr Sohn, der früher auch so dachte wie sie, hat sich mittlerweile von ihr abgewandt, weil sie ihm zu extrem ist.

Zu gerne hätten wir uns daneben gestellt, um mehr von diesem Gespräch mitzubekommen, doch das wäre aufgefallen, weil wir ständig am Lachen waren. Vielleicht hätten wir noch Einzelheiten über den nächsten Atomwaffenüberfall der Albirungsaturen oder den richtigen Umgang mit den letzten existierenden Glingonen-Nachfahren erfahren...

Krankheit, Leiden, Wehwehchen, Ärzte sind für alte Leute wohl kein Thema mehr, die neue Weltordnung mit Spionage, der totale Umschwung der Menschheit und die Machtübernahme Ausserirdischer stellt alles Gewohnte in den Schatten. Könnte man das für die Allgemeinheit nicht in positive Bahnen lenken?

 

Im Gegensatz dazu geht es hier in der Dialyse ganz normal und gewohnt zu. Selbst die Neuerung der stumpfen Nadeln, die ich seit Mittwoch genießen darf, ist fast schon normal. Das fand die neue Schwester auch, als zumindest die obere Nadel flutschte wie in Butter. Es wird tatsächlich so sein, dass ich das bald selber mache. Der Pfleger in Gießen meinte ja, wenn ich das dann einmal selber mache, lasse ich nie mehr jemand anderes ran. Ist ja auch logisch. Eine Schwester, so gut sie auch ist, sticht immer in einen fremden Arm. Nur du selbst stichst dir in deinen eigenen Arm. In der rechten Hand hast du das Gefühl der Nadel, im linken Arm das Gefühl der Nadelspitze.

Wenn ich mir vorstelle, wie das die allerersten Tage war. Die Gefühle beim Stechen, der Schmerz, wenn es wieder einen Nerv getroffen hat. Mittlerweile liegen Welten zwischen damals und heute.

Und irgendwann wird es mal heißen: „Weißt du noch? Damals? Als du noch regelmäßig zur Dialyse musstest?

 

Doch bis dahin dauert es noch ein wenig.

 

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