Mär 20 2020

Freitag

 

Die Knopfloch-Punktion ist wirklich prima. Die Nadeln rutschen fast von alleine in die Vene und ich merke überhaupt nichts. Noch etwa eine Woche, dann werden „stumpfe“ Nadeln benutzt. Das hat den Vorteil, wie der Name schon vermuten lässt, dass die nicht so spitz und rasierklingenscharf sind und dann auch nicht so leicht innen durch die Venenwand stechen bei unbedachten Bewegungen. Picasso ist somit weitgehend ausgetrickst. Und es bilden sich nicht so starke Aneurysmen an den Einstichstellen, die dann irgendwann aussehen wie Hühnereier unter der Haut.

Heute muss ich nochmal fremd liegen, Daisy gegenüber. Der Elektriker hockt grad hinter ihr und sucht den Fehler, warum sie nicht arbeiten kann.

Ich habe unheimlich große Sehnsucht nach meiner Freundin. Aber ich glaub, sie weiß das und sie hat auch Sehnsucht. Hallo, meine Freundin so weit weg, bald sind wir wieder zusammen...

 

Auf diesem Ausweichplatz hier macht sich das Paradigmen-Prinzip bemerkbar. Beim Abdrücken der Einstichstellen sind ja die 20 Minuten länger als die 5 1/2 Stunden davor. Ist ja klar. Mit der Freundin zusammen zu sein, lässt alle Zeit auf ein Nichts schrumpfen. Ohne sie ist wie eine Ewigkeit... Deshalb schweift mein Blick ständig nach links, an Daisy vorbei, zur Wand an die Uhr. Hier gegenüber von meinem Platz hab ich das am Montag auch ständig gemacht: nach links zur Uhr - schauen wollen. Ich hab jedesmal zum Fenster raus geschaut... Die Uhr hängt hier rechts von mir. Doch andauernd ist mir das passiert. 17 Monate lang war es selbstverständlich, nach links zur Uhr zu schauen. Das Gehirn hat sich das so eingeprägt. Dieses Paradigma, ein über mindestens 30 Tage dauerndes Anlernen eines bestimmten Verhaltensmusters, das im Gehirn bestimmte Nervenverbindungen schafft, funktioniert nun ohne nachzudenken ganz automatisch. Nun muss ich es bewusst ausschalten. Es würde wieder an die 30 Dialysen dauern, bis ich automatisch nach rechts zur Uhr schauen würde. Aber wie ich grad sehe: der Hochstromer hat den Fehler bei Daisy gefunden, ihr Display leuchtet wieder. Montag sind wir wieder zusammen.

 

Das mit den Paradigmen funktioniert immer und überall. Alles, was mit Denken und Gewohnheiten zu tun hat, und seien es nur ganz kleine unbedeutende Handlungen, werden durch bestimmte Nervenverbindungen gesteuert. Möchtest du also eine bestimmte Gewohnheit ändern, braucht es eine mindestens 30-tägige ununterbrochene bewusste Gegensteuerung. Das gilt übrigens nicht nur für Handlungs-Gewohnheiten sondern genauso für bestimmte Denkmuster. „Ich hab zu wenig Geld.“ „Das schaffe ich nie.“ „Mich kann eh niemand leiden.“ „Ganz bestimmt bekomme ich mal Krebs und sterbe dran.“ Um nur einige zu nennen. Diese Gedanken sitzen so fest, wie der 1940 errichtete Geschützturm in Berlin Tiergarten, 70x70m und 39m hoch, bei dem 100.000 Tonnen Beton und 10.000 Tonnen Stahl verbaut wurden. Die Alliierten brauchten drei Anläufe, ihn zu sprengen. Einmal mit 25, dann mit 24 und schlussendlich mit 40 Tonnen Sprengstoff. (https://www.berliner-unterwelten.de/verein/forschungsthema-untergrund/bunker-und-ls-anlagen/flaktuerme.html) Um also solche zum Teil völlig unsinnige Meinungen in sich selbst zum Einsturz zu bringen, braucht es ne Menge „Sprengstoff“, innere Überwindung und bewusst neu geschaffene Denkmuster. „Ich hab immer genügend Geld übrig.“ „Ich kann das und schaffe das.“ „Ich mag mich selbst, deshalb mögen mich die Anderen auch.“ „Ich bin gesund, fühle mich geborgen und fürchte keine Krankheit oder Diagnose. Mir kann nichts passieren.“ Um nur einige zu nennen.

Doch dann kommen die „Tatsachen“: Der momentane Kontostand, die gefühlte Hilf- und Ausweglosigkeit bei Herausforderungen, der Stress mit dem Nachbarn oder Ehepartner, das ungute Gefühl und die seltsamen Schmerzen im Körper. Diese Tatsachen sprechen so laut und deutlich, dass wir sie nur zu gerne als Wahrheit akzeptieren - und dem alten Bunker seine Berechtigung zugestehen.

 

Schade. Dabei könnten wir es so wunderschön haben...

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