Dez 17 2018

Montag, 17.12.

 

Eine Woche vor Heilig Abend.  Da fangen wir dann eine halbe Stunde eher an, damit auch die Spätschicht wenigstens eine halbe Stunde eher zuhause unter dem Baum ist. Klingt human.

Aber diese Woche ist noch alles wie gewohnt. 

Alles wie gewohnt... Kann man sich überhaupt an die Situation, an die unumstößliche Tatsache gewöhnen? Klar, man muss es, bleibt ja keine Alternative übrig. Und ja, es kommt wesentlich auf die persönliche Einstellung dazu an. Und sicher auch auf das persönliche Umfeld, die Menschen, mit denen du zusammen bist. Hier in der Klinik ist das einfach. Für Mitpatienten und Personal ist es selbstverständlich, dass wir hier sind. Das war schon immer so, das wird auch immer so bleiben. Fast. Neulich lag etliche Tage ein älterer Herr neben mir. Jahrelanger (oder jahrzehntelanger?) Dialysepatient. Er war auch „schon immer“ da. Nach einer komplizierten OP hat sich jedoch sein Zustand von Tag zu Tag verschlechtert. Eines Tages war dann der Platz neben mir leer...

Wenn du das hautnah miterlebst ist es klar, dass du dich auch mit solchen Gedanken auseinandersetzt. Draußen wird das alles von einem fern gehalten, verborgen. Aber hier drin...

 

Und trotzdem! Ich habe festgestellt, dass nach nunmehr acht Wochen, oder 26 Dialysen, sich eine gewisse Gewohnheit eingestellt hat. Tagesabläufe werden zur Routine, der Ablauf in der Klinik ist nicht mehr neu, an den Schmerz beim Stechen hat man sich mittlerweile gewöhnt, manchmal spürt man die Nadeln gar nicht mehr und könnte fast vergessen, wo man ist.

Wenn man eine bestimmte Handlung mindestens 35 Tage immer und immer und ununterbrochen wiederholt, bilden sich im Gehirn neue neuronale Verbindungen, es entstehen neue Paradigmen, so dass diese Handlung „ins Programm aufgenommen“ wird und es kein bewußtes Nachdenken mehr braucht, um diese auszuführen. (Die Hirnforschung ist übrigens äußerst interessant! Wozu das menschliches Gehirn fähig ist, ist absolut erstaunlich.)

Diese Paradigmen also sind es, die helfen, sich an jede Situation zu gewöhnen. Auch an die Dialyse. Der Tagesablauf wird ruhiger, die Umstellung selbstverständlicher, das Verlangen nach Mittagsschlaf, das Taxi, die innere Gelassenheit, ruhig zu bleiben und sich nicht hetzen zu lassen - man ist ja jetzt schließlich schwerbehindert und kann es sich leisten, einen Gang herunter zu schalten - alles gruppiert und ordnet sich langsam um und an Daisy, findet seinen Platz und wird „normal“. Auch mit dem Personal wird man vertrauter, man kennt sich langsam, hat das Gefühl, man gehört dazu. Als wäre es „schon immer so gewesen...“

Das geht bei mir schon soweit, dass mir die vier Stunden, die ich mit Daisy kuscheln kann, zu kurz werden. Anschließen, Tagebuch, Frühstück, ein wenig Webseiten bearbeiten, vielleicht noch ein, zwei Dokus schauen (das Fernsehprogramm finde ich nach wie vor doof), ein wenig schlafen und zack! sind die vier Stunden vorbei und du wirst schon wieder losgelöst von Daisy. Manchmal dachte ich schon: „Schade, könntest noch locker ne Stunde brauchen.“ Wenn ich da an meine ersten Tage hier denke... Da waren die zwei bzw. drei Stunden noch sooo lang.

Auch jetzt. Nur noch 1:45 Stunden! Bald Feierabend. Also: Tagebuch schließen. Man hat ja schließlich noch anderes zu tun hier...

 

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