Freitag

 

Schwester Ludmilla (*) schafft es neuerdings immer wieder, mir Aua zu machen. Immer wieder neue Stellen, neue Nerven, neuer Schmerz. ABER dafür wird nicht so oft in die alten Stellen gestochen, damit die sich nicht so ausweiten. Sieht nicht unbedingt schön aus, wenn am Unterarm zwei Beulen sind so groß wie Hühnereier. Ob man das überhaupt ganz vermeiden kann? Wohl eher nicht. Eher später.

Kopfhörer sind heute auch wieder nicht zu vermeiden. Was mich anstinkt, sind so Gespräche darüber, wie schlecht es uns geht im Vergleich zu anderen und wie ungerecht das ist. Und dann wird sich aufgeregt und Stimmung gemacht. Hatte ich das schon mal erzählt hier? Ich hab nicht die mittlerweile 210 Beiträge im Kopf. In der Firma, wo ich zum Schluss als Kesselwärter gearbeitet habe, war ich zuerst in der Karosserie-Abteilung. Wie wurde da geschimpft und hergezogen über die in der Werkstatt und Lackiererei, wie gut es denen geht und wie die vom Chef bevorzugt werden. Schade, dachte ich, bist eben in der falschen Abteilung gelandet. Jahre später kam ich für einige Zeit zu den Kfz-Schlossern. Wie wurde da geschimpft über die in der Lackiererei und Karosserie-Abteilung, wie gut es denen geht und wie die vom Chef bevorzugt werden. Schade, dachte ich, nun gibt es zwei schlechte Abteilungen und in allen beiden bist du gelandet. Doch wie es der Zufall - oder jemand anders - wollte, kam ich auch in den Genuss, in der Lackiererei zu arbeiten. Wie wurde da geschimpft über die in der Karosserie-Abteilung und Schlosserei, wie gut es denen geht und wie die vom Chef bevorzugt werden. Schade, dachte ich, jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich denken soll. Zwei Jahre vor meiner Heizer-Karrjähre habe ich in der Firma ganz alleine die neue Hohlraumkonservierung aufbauen dürfen. Lehrgang machen, Raum einrichten, Transport-Fahrzeug für Karosserien mitgestalten, Werkzeuge und Maschinen dafür optimieren usw. Hat echt Spaß gemacht. Auch das Konservieren selbst dann. Ich war der Einzige in der Firma, der das wusste und konnte. Doch wie wurde da gesch... Nein! Ich wusste es, dass es mir gut geht hier. Aber die anderen, die hatten nun eine Abteilung mehr, von der sie argwöhnen konnten, wie gut es denen geht und wie die vom Chef bevorzugt werden...

Es bringt überhaupt nichts, sich immer nur benachteiligt zu sehen. Oder vielleicht doch? Klar doch! Die Unzufriedenheit nämlich macht krank und unglücklich, unzufrieden und depressiv. Das sind die einzigen Auswirkungen, die meist auch bleibende Schäden verursachen.

Klar geht es vielen besser, die sind reicher, gesünder, werden bevorzugt, haben anscheinend weniger Probleme usw. usw. usw. Und klar geht es vielen schlechter. Wenn sich meine Kinder beschwert haben, dass sie manches nicht durften oder konnten, wir uns manches (oder vieles?) nicht leisten konnten, was andere aber konnten - und das ist öfters passiert - dann hab ich oft argumentiert, dass es den armen Kindern in Afrika viel schlechter geht, sie gar nichts zu Essen und auch keine Spielsachen haben. Klar stimmt das, doch wirklich geholfen hat es meinen Kindern nicht. Denen in Afrika aber auch nicht. Das ist genauso, wie wenn ich hier freiwillig auf regelmäßiges Duschen oder Baden verzichte, um Wasser zu sparen, weil es so viele Menschen auf der Welt gibt, die nicht genug oder gar kein sauberes Trinkwasser haben. Von meinem gesparten Wasser kriegen die nichts ab, nicht einen Tropfen. Wenn, dann muss man den Hebel ganz woanders ansetzen. So, wie der „Wasser-Missionar“ bei den Massai in Tansania. Der hat zuhause in Deutschland nicht weniger geduscht, sondern dort bei den Massai in einem aus alten Containern selbstgebautem Haus gewohnt, ohne Strom und ohne fließend Wasser (und ohne Fernsehen) und hat überall Brunnen gebohrt. Das waren seine Predigten als Missionar. Ein Vorrecht, ihn und seine Arbeit kennengelernt zu haben.

Nein, nicht jeder ist berufen, in Afrika Brunnen zu bohren oder mit „Ärzte ohne Grenzen“ in Krisengebieten zu helfen. Aber jedem von uns, ausnahmslos jedem, ist es möglich, zufrieden zu sein mit dem, was man hat und die Möglichkeiten zu erkennen und zu ergreifen, um sein Los zu verbessern.

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