Eigentlich...

(130 x gelesen) im
Dez 20 2019

Freitag

 

Eigentlich wollte ich mit etwas ganz anderem beginnen heute. Doch dann kam vorhin die Nachricht. Er war etwa 4 oder 5 Wochen hier. Anfangs kam er noch selbst gelaufen. Etwas wacklig zwar, aber es ging. Dann sind wir gemeinsam im Taxi gefahren, er hinten, ich vorn, später er vorn, ich hinten. Kurze Zeit drauf wurde er mit Rollstuhl gebracht. Dann gab es Komplikationen. Jetzt am Mittwoch, nach der Dialyse, zuhause, ist er eingeschlafen - für immer...

Die wievielte Person hier aus diesem Raum ist das nun, die nicht mehr kommt? Sag mir keiner, das wäre normal und gehört zum Leben dazu. Auch wenn das zu 100% richtig ist und schon immer so war, seit es die Menschheit gibt. Doch wenn du daneben gelegen hast, ihr irgendwie zusammengehört habt, ihr hier das gleiche Schicksal geteilt habt und das hier immer und immer mal wieder passiert - Shit, dann bewegt einen das doch! Da gehen Gedanken durch den Kopf, die niemand nachvollziehen kann, den es nicht unmittelbar betrifft.

 

Aber das Leben für die Anderen geht weiter. Immer noch. Kommen wir zu dem, was ich mir vorgenommen habe zu schreiben:

 

„DasgutaufgehobenseinHaus“, wie es mir am Mittwoch aus meiner Leserschaft als Synonym für „Krankenhaus“ empfohlen wurde, ist eindeutig zu lang. Selbst der Versuch einer Abkürzung ist noch zu lang: DgasH. Wie soll man das aussprechen?

Aber ich weiß, was hinter dieser Empfehlung steckt: Das ist nicht nur einfach so ein Wort oder ein Scherz. Es ist der verzweifelte Versuch, in aller Ratlosigkeit und allem Schmerz der wiederholten Enttäuschung eine längst verlorengegangene Geborgenheit zu finden. Es begegnet mir immer wieder und überall. Alle Altersgruppen, alle Schichten, alle Schicksale. Jede(r) sehnt sich nach diesem „DasgutaufgehobenseinHaus“, allein oder mit anderen zusammen, die in ihr (sein) Leben passen. Manchmal die Familie, die Kinder, Lebenspartner oder wie man das auch immer nennen möchte. Manchmal ist es aber auch eine völlig andere Person, manchmal sehr weit weg, fast unerreichbar. Und Eines ist bombensicher: Aufgehobensein erfährt man ausschließlich mit und bei Menschen, nicht mit Geld, nicht mit Besitztum, nicht im noch so erfüllenden Beruf, ja nicht einmal in einer einigermaßen stabilen Gesundheit, sondern nur mit einem lebendigen Gegenüber.

Da ist das Krankenhaus wahrlich kein solcher Ort, um dieses tiefe, lebensnotwendige Gefühl auch nur annähernd zu erleben. Klar gibt mir diese Adresse hier im Raum 3, Platz 7 der Dialyse-Abteilung in der Asklepios-Klinik in 35423 Lich ein gewisses Gefühl der Abgeschiedenheit, Sicherheit und eines mittlerweile gewohnten Alltages, doch Aufgehoben sein ist etwas völlig anderes.

Viele, sehr viele, mit Sicherheit viel zu viele haben „DasgutaufgehobenseinHaus“ entweder irgendwann im Leben verloren, noch nie gefunden oder sind sich gar nicht bewusst wie sehr ihnen ein solches fehlt. Die meisten davon haben traurigerweise aufgehört, danach zu suchen und sich mit der Situation irgendwie resigniert abgefunden. Sie glauben nicht mehr daran, dass ein solcher Ort für sie existiert bzw. sie nicht würdig genug sind, sich einen wünschen zu dürfen.

Das ist das Drama der Menschen, das mit so einem einfachen, wie zufälligen Wortspiel zum Vorschein kommt. Ich würde nie darüber schreiben, wenn ich es nicht mehr oder weniger hautnah um mich herum erleben würde. Heute gehen meine Gedanken und Grüße an all die Menschen, die dieses Gefühl vermissen und möchte ihnen Mut machen, ihr Suchen nicht aufzugeben. Es lohnt sich!

 

DasgutaufgehobenseinHaus. Ich werde einen anderen Namen auswählen müssen.

 

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