real life

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Nov 15 2019

Freitag

 

Gemeinsame Träume sind wie zwei Schmetterlinge, die - dem traurigen, einsamen Leben des Raupendaseins entflohen - nun gemeinsam fröhlich fliegen,  miteinander und umeinander kreisen, die wärmenden Sonnenstrahlen genießen, fast schwerelos mit ihren bunten, zarten Flügeln durch die laue Sommerluft auf und ab flattern und die herrlich duftende Blütenpracht der Wiese genießen. Ein Bild des Glückes und des Friedens.

Ein einsamer Traum ist wie ein Bach. Er fließt immer in die selbe Richtung. Er fließt und fließt. Alles, was er mit sich trägt, verschwindet bachabwärts im Nichts und irgendwann, vielleicht in einem heißen, langen Sommer, wird er weniger, bis er ganz austrocknet. Dürre, Leere, Härte.

 

Der Tag gestern war kein Traum. Auch keine Sentimentalität. Er war reales Leben. Obwohl Träume oft auch vom realen Leben in einer realen Zukunft träumen. Nein, gestern war es real. Belastungs-MRT des Herzens. Es fing gut an. „Glas vs Fleisch“ war wieder ein Thema. Vielleicht bin ich ja ein Mensch, der sich anderen gegenüber nicht gerne öffnet... Es mussten zwei Injektionsnadeln gelegt werden. Der erste ziemlich schmerzhafte Versuch der Schwester auf dem Handrücken: „Die Vene reißt vor der Nadel aus, sie wehrt sich. Wir gehen hoch in die Station und lassen es einen Arzt machen.“ Zweiter Versuch des Arztes am Innen-Unterarm: kein Erfolg. „Nur frohgemut und unverzagt und vorwärts fest den Schritt, jetzt schieb mir beide Nadeln rein, sonst kriegst du einen Tritt!“ Der Spruch ist mir zu spät eingefallen... Dritter Versuch auf dem Handrücken: sehr gut getroffen, keinen Schmerz verspürt. Erste Nadel sitzt. Vierter Versuch in der Ellenbeuge: genauso perfekt. Geht doch.

Dann zum MRT. Oberkörper frei, Brustbereich rasieren, Spritzen mit Kochsalzlösung an beide Nadeln anschließen, an die dann ein Kontrastmittel und ein Stress-Medikament angeschlossen wird. Taschen leeren, auf die Liege, Blutdruckmanschette an den Fuß, Elektroden auf die Brust, Induktionsspule in Form einer „Brücke“ über den Brustkorb, Kopfhörer auf und dann ab in die Röhre. Eng aber gemütlich. Dann gefühlte 40 - 50 mal die Anweisung „Einatmen...Ausatmen...nicht mehr atmen...! Beim nicht-mehr-atmen macht die Maschine dann ihre unzähligen Aufnahmen. Dann, nach einigen Sekunden die Anweisung „Weiteratmen!“ Manchmal war mehr Zeit, manchmal nur ein einziger Atemzug möglich bis zur nächsten Anweisung „Einatmen...“ Nach dem Spritzen des Stress-Medikamentes fühlt man sich tatsächlich wie bei absolutem Stress. Ziemlich unangenehm, aber auszuhalten. Und dann die Ansage über die Kopfhörer: "Jetzt kommt bald ein Abschnitt, wo Sie ganz lange nicht atmen sollten, aber das schaffen Sie nicht. Dann einfach weiteratmen, wenn Sie nicht mehr können, auch ohne Aufforderung.“ Ich wollte es wissen. Der Moment kam. „...nicht mehr atmen...!“ Lunge leer, nicht atmen. Lange, in so einer Situation sehr lange, in den Händen verschwindet das Gefühl, dann in den Füßen. Augen auf! Du siehst noch alles ganz normal, kein Flimmern, keinSchwarzwerden, also nicht atmen! Der Sauerstoff wird echt knapp. Du bist noch voll da, also nicht atmen! Dann, nach einer Ewigkeit (vielleicht war es eine halbe, vielleicht eine ganze Minute?) die Aufforderung „Weiteratmen!“ Hhhhhhhhhhhhhhhhhhhh! Geschafft! Gute Lunge! Ich erinnere an den Beitrag meines Lebens im Asbest... Beim zweiten mal nach einiger Zeit wieder geschafft! Danach nur noch kurze Phasen. Ein Klacks. Nach etwa einer Stunde raus aus der Röhre. Eine Stunde - da ist mancher Braten in der Röhre gar. Ich war gar. Der innere Stress war inzwischen auch fast wieder weg.

Nur, dann mussten die beiden Nadeln wieder aus dem Arm... Großflächige Pflaster auf männerbehaartem Arm. Die müssen langsam abgezogen werden, damit die Nadeln keinen Schaden anrichten. Also gaaaanz langsam von den Haaren abziehen. Doch nun weiß ich wenigstens, wie sich Skalpieren angefühlt haben muss... Ich habe es überlebt. Auch ohne Schreien.

Heute wird bei der Dialyse alles Kontrastmittel und Stresszeugs wieder von Daisy entfernt, um alle Spuren zu verwischen.

Allein die Befunde und hoffentlich mein Eintrag hier werden bleiben...

 

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