Okt 11 2019

Freitag

 

Es ist ganz einfach. Man muss lediglich seine Gedanken umstellen. Wenn man sich nicht auf die Probleme konzentriert, dann werden sie schon kleiner oder verschwinden sogar ganz. Zum Beispiel bei der Dialyse. Dass man da immer solchen Mordshunger bekommt, dass man ein halbes Spanferkel verdrücken könnte - alles Einbildung. Oder zumindest braucht man nicht daran denken, sondern muss sich nur einreden, dass man doch ganz gut satt ist - und schon ist das Hungergefühl verschwunden und man braucht sich daheim nicht gleich aufs Essen stürzen.

Oder dass man häufig so müde und abgespannt ist. Wir Patienten liegen nur stundenlang nichtstuend rum, haben nichts zu tun, als zu warten, dass die Zeit vergeht und haben danach nichts anderes im Kopf, als uns zuhause müde wieder ins Bett zu legen.

Denken zumindest manche Außenstehende. Die noch nie an der Maschine hingen. Die müssen es ja wissen. Und können uns das erklären. Dann geht es uns sicherlich besser.

 

Die Fakten:

Eine Niere funktioniert „ganz normal“. Die bekannteste Arbeit, die sie leistet, ist die Urinausscheidung. Doch davor hat sie ne ganze Menge anderes zu tun, bevor man pinkeln kann.

  • Ausscheidung von giftigen Substanzen
  • Regulierung des Wasser- und Elektrolythaushaltes sowie des Säure-Basen-Gleichgewichts
  • Hormonproduktion
  • Regelung des Blutdrucks (über das in der Niere produzierte Hormon Renin)
  • Regelung der Bildung roter Blutkörperchen (über das in der Niere produzierte Hormon Erythropoetin)

 

300 mal filtern die Nieren täglich das gesamte Blut. Das sind ca. 15 Badewannen voll. Sie filtern dabei bis zu 180 Liter sogenannten Primärharn aus. Würde man das alles ausscheiden, wäre man nach einigen Stunden nicht mehr lebensfähig (außer man würde täglich 180 Liter trinken). Nun ist die Niere aber so liebenswert und führt ca. 99% der Flüssigkeit wieder in den Blutkreislauf zurück und es bleiben nur 0,5 bis 2 Liter Sekundärharn übrig, angefüllt mit all den angesammelten Giftstoffen. Denn die filtert sie ebenfalls mit aus dem Blut.

Jetzt schlüpfen da aber mit dem Primärharn (bei 15 Badewannen) auch andere wichtige Sachen mit durch: Natrium, Kalium, Kalzium, Vitamin B12, Bikarbonate, Chlor, Aminosäuren (Proteine). Die Niere erwischt sie alle und schickt sie gnadenlos zurück ins Blut, weil der Körper die dringend braucht. Nur die bösen Harnstoff, Harnsäure, Kreatinin und andere Abbaustoffe des Körpers sowie das überschüssige Wasser bleiben im Sekundärharn.

Die anderen Funktionen in der Auflistung seien nur der Vollständigkeit erwähnt. Hormone, rote Blutkörperchen, Epo, Blutdruck, Säure-Basen-Haushalt usw.

Die Niere - eine Hightec-Anlage erster Sahne. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, ohne Urlaub und Inventur, bei mir nun schon 65 Jahre, 6 Monate und einige Tage. Täglich 15 Badewannen voll. Zugegeben, die ersten Kindheitsjahre sicher weniger und das letzte Jahrzehnt immer eingeschränkter.

Und nun, wo sie müde sind, muss das Daisy übernehmen. Aber nicht 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, ohne Urlaub und Inventur, sondern dreimal wöchentlich für bei mir 6 Stunden. Kein Wunder, dass sie da nicht alle Giftstoffe rausbekommt, sonder lediglich einen überlebensfähigen Teil. Und dann ist Daisy nicht an mein Gehirn gekoppelt und bekommt von dort ihre Befehle, sondern sie hat ein eigenes „Gehirn“. Sie filtert Giftstoffe und Wasser. Produziert aber keine Hormone und Blutkörperchen. Und alle guten Sachen, die ja bei der Niere auch durchschlüpfen, schickt sie nicht wieder zurück. Die sind ebenfalls hoffnungslos verloren.

Protein zum Beispiel, die Dinger, die satt machen. Flupps, weg. Ergebnis? Hunger! Dialysepatienten haben deshalb einen bis zu 20% höheren Ruheenergiebedarf. Die Bedarfsgerechte Eiweißzufuhr liegt bei einer Hämodialyse bei 1,0-1,2 g/Kg KG/d (bedeutet: Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag) und davon müssen mindestens 50% hochwertiges Eiweiß enthalten sein, um die Verluste der Aminosäuren durch die Dialyse wieder aufbauen zu können und damit der Körper nicht Körpereiweiß (Muskeln) abbaut.
Glukose zum Beispiel, die Dinger, die in den Zellen für Energie sorgen und ebenfalls satt machen. Flupps, weg. Ergebnis? Wieder Hunger. Bleibt am Ende festzustellen: Der Hunger ist vorprogrammiert.

Und weil Daisy in wöchentlich 18 Stunden tun muss, was gesunde Nieren in fast der zehnfachen Zeit (168 Stunden) erledigen, sind die Ärzte der Meinung, dass Dialysesitzungen Schwerarbeit für den Körper ist, wie Straßenbauarbeiter oder Bergwerkskumpel. Die Meinung der Ärzte können wir nur bestätigen. Bleibt auch hier am Ende festzustellen: Die Müdigkeit ist vorprogrammiert.

Es wird also ziemlich schwierig werden, das gedanklich zu überwinden. Wer es schafft, soll dann bitte unten einen Kommentar dazu schreiben.

 

Die Venennadel hat heute die Venenwand angeritzt beim Legen. Haarscharf an der Bockwurst vorbei. Der Arm ist dick geworden, aber die Nadel kann sitzenbleiben. Hoffen wir, dass sie still sitzt...

 

Und zu guterletzt (wird das so geschrieben? die Autokorrektur weiß es auch nicht anders) noch etwas Schönes, damit wir alle frohgemut ins Wochenende kommen:

Gestern bei der Nachkontrolle beim Augenarzt wegen den Nachstar-Laser-Behandlungen konnte ich feststellen, dass das linke Auge, bei dem damals nur die Netzhaut an einigen Stellen „festgetackert“ wurde, eine Sehschärfe von 90% hat. Das rechte Auge, das damals knapp an Totalerblindung vorbeigeschrammt ist, hat eine Sehschärfe von 100%!!!! Mit meiner Brille konnte ich in der letzten Reihe der letzten Tafel noch Zahlen erkennen. Geht es besser? Nein!

 

Ein schönes Wochenende euch allen!

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