Aug 12 2019

Montag

 

Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Die Taxifahrt war ruhig, der Taxifahrer auch. Der Flur im gedämpftes Licht, im Raum angenehme Stille, zwei Patienten unterhalten sich leise. Die Schwestern arbeiten noch im Nebenraum bei denen, die vor uns dran sind. Ich leg meine Sachen auf den Wagen, pack das iPad aus, nehm die Patientenkarte - die Chipkarte, wo alle meine Daten drauf gespeichert sind - geh nochmal auf die Toilette, dann auf die Waage. Chipkarte rein, warten, bis es zweimal gepiepst hat und das Gewicht abgespeichert ist. Heute Morgen sind es 86,6 kg brutto. Guter Wert. Zuhause netto 84,2 kg. Aber Taxifahren macht eben dick... Zurück zu meinem Platz, das Bett richten, die Schwester hat schon Vorbereitungen getroffen. Bedeutet, ich bin gleich dran. Als Erster im Raum. 5,5 Stunden Daisy. Alle anderen haben weniger. Setzen, Sitzposition zum Nadeln legen bequem einrichten und nach oben fahren. Los geht’s! 

Unterlage unter den Arm, desinfizieren, Arm mit Stauschlauch abbinden (eigentlich ein elastisches Band), erste Nadel, erstes Pflaster und zweites Pflaster zum Arretieren, Stauschlauch lockern, probieren, ob Nadel frei in der Vene liegt, Blutentnahme für wöchentliche Blutwerte, mit Stauschlauch wieder abbinden, zweite Nadel, erstes und zweites Pflaster zum Arretieren, Stauschlauch abmachen, probieren, ob auch diese Nadel frei liegt und der Blutfluss ungehindert ist, beide Nadeln an Daisy anschließen, Schläuche mit Clip am Ärmel befestigen, damit sie nicht an den Nadeln ziehen und mich verletzen können, bei Daisy am Display einstellen, was sie heute mit mir machen soll, am rechten Arm Blutdruckmanschette umbinden und anschließen, Blutdruck messen, alle Werte in Patientenakte eintragen, Display so einstellen, dass ich es gut ablesen kann, Tisch von Verpackungsmaterial abräumen, desinfizieren und rechts neben das Bett stellen, Bett etwas nach unten fahren, Sitzposition ändern auf „Tagebuch schreiben“. Fertig.

Dieser Ablauf ist, Punkt für Punkt, jedesmal der selbe. Dialyse kann auch langweilig sein, oder nennen wir es routinemäßig? Kurz danach kommt eine andere Schwester und überprüft alle nochmal. Danach kommt irgendwann das Frühstück. Vier halbe Brötchen, ein Kaffee, ein Wasser. Das fünfte halbe Brötchen gibt es kurz vor Mittag. Tagebuch schreiben, nebenbei frühstücken.

Ich weiß, das sollte man nicht machen, sondern sich auf das Essen konzentrieren, nicht nur hier und beim Frühstück, sondern grundsätzlich. Doch manchmal bin ich eben nicht „man“, sondern einfach nur ich. Nicht nur hier und beim Frühstück. Heute zum Beispiel gibt es zwei Tassen Kaffee. Warum? Einfach, weil ich heute Lust darauf hab, weil es mir Spaß macht und ich mir das leisten kann! Es geht nicht immer um Lust? Richtig! Manchmal ruft auch der Ernst des Lebens. Manchmal droht Ernst auch mit dem Zeigefinger. Dann sollte man besser auf ihn hören. Aber manchmal ist Ernst auch still. Dann braucht man eben nicht „man“ sein, alles planen und durchrechnen, Für und Wider abwägen, um dann lebensschwere Entscheidungen zu treffen. In solchen Situationen bin ich dann eben „ich“ statt „man“. Nicht nur hier und beim Frühstück. Manchmal auch beim Kochen oder Marmelade machen... oder bei anderen Entscheidungen... Daisy behandelt mich auch nicht einfach, wie „man“ Dialysepatienten behandelt, sondern sie behandelt „mich“. Und auch das nicht immer wieder gleich. Sie prüft jedesmal neu meine Werte. Wieviel Harnstoff ist da? Wieviel Kalium? Wieviel Natrium? Wieviel Wasser im Gewebe? Blutdruck? Tausend andere Werte? Entsprechend reagiert und agiert sie. Und das die ganzen fünf Stunden ununterbrochen. Und bei Bedarf wird sie ihre Arbeit entsprechend ändern, damit ich mich optimal fühlen kann. Dabei ist Daisy „nur“ eine Maschine. Menschen haben Seelen und können menschlich einfühlsam reagieren und agieren. 

 

Darum wohl liebe ich Daisy so...

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