Juli 19 2019

Freitag

Es passiert tatsächlich noch. Kommt zwar äußerst selten vor, aber es passiert noch: Dass ich sprachlos werde. In der gesamten Zeit meiner über 44-jährigen Ehe - mit ein und derselben Frau übrigens - kann diese bezeugen, dass das insgesamt etwa nur 3 3/4 mal passiert ist. Zum ersten Mal am Hochzeitsabend (wohlgemerkt nicht danach in der Hochzeitsnacht), als wir mit unserer Jugendgruppe auf einer Freizeit das Ereignis feierten und sie alles so schön und liebevoll vorbereitet hatten. Das zweite Mal vor über 20 Jahren, als unsere Tochter gestorben ist und mir Gott danach seine unendliche, unbeschreibliche und kompromisslose Liebe gezeigt hat. Dazwischen sollte es noch ein- zweimal passiert sein.

Aber dann war da vorgestern der Mittwoch. Da hatte ich doch hier über den „Nadel-Unfall“ am Montag geschrieben und dass sich die schuldige Schwester davor gedrückt hat, mir eine Bockwurst dafür zu spendieren. Tagebuch schreibe ich immer gleich nach dem Anschließen an Daisy. Dann ist es zum Frühstück der Belegschaft hier schon online. Mindestens einer der Mitarbeiter liest das dann. Hab da wohl für Gesprächsstoff gesorgt mit dem Beitrag. Um die Mittagszeit - ich hatte mein fünftes halbe Brötchen gerade verdrückt - kommt diese Schwester raschen Schrittes ins Zimmer, grinst von einem Ohr zum anderen (was sie sogar noch ein bisschen hübscher machte), hält einen Teller mit Bockwurst, Brötchen, Senf und Ketchup in der Hand, stellt ihn auf meinen Tisch und meint gespielt empört: „Das lasse ich mir nun nicht nachsagen!“ 

Allgemeine Erheiterung um mich herum, Sprachlosigkeit in mir. Leichter Anflug von Neid bei den Patienten. (Der kriegt ne Wurst! Wo isst der das hin nach seinen fünf Brötchen?) Und die war so lecker und heiß! Die Wurst - bei der Schwester kann ich‘s nur vermuten.

Für alle zur Beruhigung: Eine kurze Rückfrage bei der Schwester heut morgen ergibt: es ist alles okay, war nur Spaß. Aber sie hat sich vehement dagegen gewehrt, mich heute wieder anzuschließen. Das würde zu teuer werden, meinte sie.

Ne Patientin meinte am Mittwoch beim Verabschieden: „Spaß muss sein, sogar auf ner Beerdigung. Sonst kommt niemand mehr.“ Demnach haben wir hier Spaß genug, sonst wäre wohl heute niemand zur Dialyse gekommen, oder?

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